Wie der ewige Zweite des Alphabets sich einmal als Erster fühlte

So viel Bohei zu Beginn eines neuen Jahres – das hatte sich das B in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt: Berlin, Bellevue, der Bund, die Bank mit dem Zusatz BW, die ganze Bundesrepublik mit all ihren Bürgern, Bushido, Boris Becker, Tom “Tagesthemen” Buhrow und sogar die Bibel spielen mit in diesem Stück. Nicht zu vergessen die Bettinas: blond die eine (und bestens stets bekleidet), brünett die andere (und bei Freunden gegen Bares nur zu Bett). Besten Dank, Herr Bundespräsident. Und Bravo, BILD.

Längst überfällig, den Blick auf den ewigen Zweiten unserer schönen Buchstaben zu richten. Umso schöner, dass uns der erste Mann im Staate diesen Blick beschert; kongenial befeuert vom ersten Blatt im Boulevard. Zarte Bande zu Beginn, bärenstark und blumig die Berichte, am Ende ein brisantes Band – der Bruch!

© Matthias Schilling

Für gewöhnlich begnügt sich das B mit einem durchschnittlichen Anteil von nur 1,89 Prozent in deutschen Texten: Platz 16 in der Häufigkeitstabelle – geradezu banal. Und jetzt das B in seiner ganzen Breite. Ein Albtraum für das A. In Amt und Würden (und an Platz eins gewöhnt) der Apokalypse nah. In seiner ganzen Allgemeinheit fühlt es sich belogen, betrogen, beleidigt und beschädigt. Das A wird lange brauchen, um sich zu erholen.

Auch dem B ist nicht mehr wohl, der Burnout droht. Der anfänglichen Begeisterung über die unverhoffte Präsenz im Blitzlicht des Blätterwalds folgt die bittere Erkenntnis, dass es allerlei Begrifflichkeiten dient, denen Blamables innewohnt. Dankeschön für die Beachtung, jetzt jedoch Plan B. Nein, keine Bewährung und keine weiteren Bewährungsproben. Nichts mehr von billigen Zinsen und billigen Ausreden. Zurück ins Mittelfeld und wieder business as usual. Bitte.

Geheimnisvoll und meisterlich verknüpft ist der Ursprung der ganzen Geschichte übrigens mit der Herkunft beider Buchstaben. Die protosemitische Urform des B stellt den Plan eines Hauses mit Ausgang dar. Und die Phönizier gaben dem Buchstaben den Namen Bet – Haus. Die aus demselben Alphabet stammende Urform des A ist wahrscheinlich der Kopf eines Ochsen. Die Phönizier gaben diesem Buchstaben den Namen Aleph – Ochse. Wie das zusammenhängt und was das bedeutet – darüber darf völlig frei assoziiert werden.

Rainer Rohstock

© Illustration: Matthias Schilling, d-signbureau

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