Design

Martina Grabovszky: Corporate Design wird heute vor allem in den digitalen Medien sichtbar

Corporate Design schafft visuelle Identität – und die Wahrnehmung erfolgt in zunehmendem Maß digital. “Für die meisten Unternehmen sind die digitalen Medien heute das Kommunikations-Medium Nr. 1″, sagt Dipl.-Designerin Martina Grabovszky. “Schnell, ökonomisch und mit einer anderweitig nur schwer zu erzielenden Reichweite sind sie das wesentliche Mittel zur Vermittlung von Identität. Vorausgesetzt natürlich, sie sind gut gemacht!” Im Interview, das ich mit Martina Grabovszky via Facebook geführt habe, spricht sie über Wahrnehmung, über die Bedeutung der Social-Media- und Suchmaschinenriesen, über Typografie, Design und den Umgang mit technischen Einschränkungen.

Inverve: Martina, in welchen Bildschirm schaust du gerade?

Martina Grabovszky: Im Moment sitze ich auf der Couch und schaue auf mein iPad.

Inverve: Ist das, was du liest, gut lesbar oder ginge das besser?

Martina Grabovszky: Nach dem Webfontday 2011 ist man bei der Beantwortung dieser Frage noch viel kritischer, als man es ohnehin schon ist. Besser geht es doch immer…
Seit dem großartigen Vortrag von Luc(as) de Groot Webfontday 2011 bin ich versucht, bei einem Text erst das »Hinting«, also die Bildschirmoptimierung der zur Verwendung kommenden Schrift zu untersuchen und dann erst zu lesen anzufangen. Gerade eben habe ich begonnen, deine Fragen in »Plain Text« zu beantworten. Und arbeite jetzt doch lieber im »Writer« von iA weiter. Zum einen ist der Text tatsächlich besser lesbar und solch scheinbare Kleinigkeiten, wie die Möglichkeit, die richtigen Anführungszeichen gleich tippen und nicht erst suchen zu müssen, machen einfach richtig Freude.

Inverve: Die “sozialen Medien” haben – rein zeitlich gesehen – einen großen Anteil am Medienkonsum und gewinnen in der professionellen Kommunikation an Bedeutung. Welche Rolle spielt das, was die großen Social-Media-Plattformen und Suchmaschinenriesen typografisch veranstalten? Bestimmen Google, Facebook, Twitter oder andere die Lesegewohnheiten bzw. beeinflussen deren Standards eventuell den Umgang mit Typografie generell?

Martina Grabovszky: Ich glaube nicht. Ich habe diese Plattformen nie unter diesem Aspekt wahrgenommen und ich glaube auch nicht, dass bei diesen Unternehmen der Fokus darauf liegt. Bei allen drei erwähnten Plattformen gibt es spannende Ansätze der Interaktion und der Vernetzung. Typografie spielt da leider eine – eigentlich nicht notwendigerweise, aber dennoch – untergeordnete Rolle.
Das Corporate Design von Unternehmen wird heute vor allem in den digitalen Medien sichtbar. Das verändert die Beschäftigung mit der Wahl des Corporate Font und die Herausforderung im Design hat eine neue Dimension. Wenn man vor 8 Jahren noch stolz eine besonders ausgefallene Schrift als Corporate Font präsentiert hat und im Web dann eine der Systemschriften gewählt hat, unterlag das noch der technischen Notwendigkeit – man hatte ja keine Wahl. Eventuell wurden die Headlines als Gifs gemacht, aber damit war man weder dynamisch, noch besonders suchmaschinenfreundlich. Vor ca. 5 Jahren konnte man mit Flash und Cufon anfangen zu tricksen, was wenigstens ein Teil des Problems gelöst hat. Heute hat man die Wahl …
Tatsache ist, dass für die meisten Unternehmen die digitalen Medien heute das Kommunikations-Medium Nr. 1 sind: schnell, ökonomisch, mit einer anderweitig nur schwer zu erreichenden Reichweite sind diese das wesentliche Mittel zur Vermittlung von Identität. Vorausgesetzt natürlich, sie sind gut gemacht. Wo einst die Geschäftsausstattung erster Ausdruck eines Corporate Designs war, geht es heute um vielleicht noch 3 Sorten Visitenkarten, aber ein Portal mit 15.344 Seiten. Die Frage, welches Medium mehr Wirkung hat, ist überflüssig: Welche Schrift wird wohl als Corporate Font wahrgenommen?

Inverve: Was bedeutet das für die Designer? Werden Corporate Fonts nur noch danach gewählt, ob sie als Webfonts verfügbar sind? Oder wie lesbar die Schrift am Bildschirm ist?

Martina Grabovszky: Das Thema ist komplexer. Denn wir begegnen hier einer Thematik, die es schon immer gab: Was ist die Korrespondenzschrift, was die richtige Schrift für das Kundenmagazin? Je nach Einsatz wurde die Schrift schon immer bewusst gewählt und definiert. Also stellen wir uns die Fragen: Was ist der richtige Webfont oder Appfont? Was ist der richtige Schriftmix? Die Typografen sind also wieder gefragt, denn wir haben die Wahl!

Inverve: Es ist noch nicht lange her, da mussten Designer für Unternehmen, die möglicherweise sogar eine eigene Hausschrift haben, im Internet mit den Systemschriften arbeiten, die auf jedem Computer installiert sind. Und über die individuellen Einstellungen seines Browsers konnte jeder das Erscheinungsbild nochmals beeinflussen. Eine Katastrophe für Typografen? Und ist diese Zeit jetzt tatsächlich vorbei?

Martina Grabovszky: Diese Zeit ist leider nicht vorbei. Andreas Henkel von Henkel Hiedl hat beim Webfontday sehr anschaulich über ein Unternehmen berichtet, bei dem der Webauftritt auf einem Windows-Terminalserver so konfiguriert ist, dass eine vernünftige Darstellung im Netz nicht herstellbar ist. Das zählt heutzutage doch schon als schlechte Arbeitsbedingung, oder? Kann man als Agentur dieses Unternehmen anzeigen? Die Konsequenz war, dass eine wirklich gut gestaltete Website auf Standard-Schriftarten zurückgestellt wurde. 60 Mann gegen den Rest der Welt ;-)
Das zweite Problem sind natürlich die alten Browser und die Einstellungen, die man als Nutzer erst kennen muss. Ich glaube, man kann tatsächlich nicht von jedem User erwarten, dass er sich damit beschäftigt. So lange es Browser gibt, die noch nicht auf dem aktuellen Stand der Technik sind, werden wir mit diesen Einschränkungen leben müssen. Und diesen Menschen trotzdem eine möglichst optimale Ansicht liefern!

Inverve: Herzlichen Dank!

Martina Grabovszky hat an der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd und am Ravensbourne College of Design and Communication in London visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Neue Medien studiert. Im Anschluss an ihr Studium arbeitete sie 1995 bei Thomas Manss & Company in London. 1997 wurde sie zur Lehrbeauftragten an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd berufen. 1998 gründete sie mit Christian H. Riss die Agentur DESIGN ASPEKT. Anfang 2011 haben sich die beiden inhabergeführten Münchner Agenturen DESIGN ASPEKT und KOCHAN & PARTNER zusammengeschlossen.

Digital ist Martina Grabovszky u.a. auf Twitter, Facebook, LinkedIn und XING vertreten.

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