Design

Die Auferstehung der Typografie: Wird Schrift jetzt auch im Internet schön? Der Webfontday 2011 klärt auf.

So selbstverständlich ist eine der größten Kulturleistungen der Menschheit, dass sie mehr hingenommen als beachtet wird. Gelegentlich entreißt die Kunst die Schrift dem Alltag und führt vor Augen, was die Zeichen leisten. Prince lieferte mit “Sign O the Times” ein musikalisches Meisterstück; mit dem Video dazu ein typografisches. “Great animation, one of the first using typography”, konstatiert Erik Spiekermann via Twitter, “albeit a lousy cut of Times” – trotz lausigem Schriftschnitt also.

Die Kunst der Typografie, die der Informationsdesigner Spiekermann nicht nur meisterlich beherrscht, sondern auch ökonomisch äußerst erfolgreich verwertet, vergleicht er mit Musik. Und beschreibt vortrefflich, worum es ihm dabei geht. Die Komposition, die Noten, der Ton – dies alles sei gegeben, sagt Spiekermann. Entscheidend am Ende: der Klang! Gitarre, Saxophon oder Gesang, Nuancen der Stimme – auf die Schrift übertragen sei die Typografie der Sound. Im Internet war bislang davon wenig zu hören. Zu beschränkt das Instrumentarium. Das wird sich ändern. Die Typografie feiert ihre Auferstehung.

Was im Print-Bereich selbstverständlich ist, soll jetzt auch für Websites gelten. Ein neues Fontformat verspricht, die bisherigen Hürden hinwegzufegen und Schriftgestalter, Distributoren, Browserhersteller, Webdesigner und nicht zuletzt eine Vielzahl von Unternehmen in zufriedenem Glück zu vereinen. Die Schriftwahl soll keine unsichere Variable, sondern fest in der Gestaltung verwurzelt sein. Ein großes Versprechen. Nicht nur für Typografen klingt das gut. Unternehmen haben Millionen von Euro in die Entwicklung von “Hausschriften” investiert. Die Texte ihrer Websites kamen bei den Betrachtern dennoch jahrelang in Arial und Verdana an. Vertane Liebesmüh’? Wie steht es um die Schriften im Web? Welche Fallen lauern bei der Anwendung? Gibt es Sicherheit im Umgang mit unterschiedlichen Browsern? Der Webfontday 2011 geht dieser und anderen Fragen mit Spezialisten der Branche nach und bringt auf den aktuellen Stand.

Tim Ahrens wird sprechen, Oliver Linke, Luc(as) de Groot, Dan Reynolds, Andreas Henkel, Dan Rhatigan, Adam Twardoch und einige andere Spezialisten für den Umgang mit Buchstaben in der digitalen Welt. Ob die Jungen die zehn Thesen des Altmeistes Kurt Weidemann kennen? Gelten sie noch? “Typographie ist eine Dienstleistung”, schrieb Weidemann. “Sie ist Umweltschutz der Augen, die es zwar zu öffnen und zu interessieren, aber nicht zu verwirren und zu beleidigen gilt… Die Kunst dabei ist vor allem die Kunst, von sich selbst weitgehend absehen zu können, sich nicht zwischen Autor und Leser zu drängen. Schriftkunst ist anonym; sie hat ihre Kenner, aber sie hat kein Publikum.” Vielleicht doch.

Ausgerechnet der vermeintlich typografische Totmacher, der Computer, wird zum Defibrillator der Schrif, wird vom Widersacher zum Werkzeug: In Verbindung mit neuen Technologien und lizenzrechtlichen Lösungen erlebt die Typografie nicht nur bei jungen Gestaltern eine Renaissance. Die Kunst der Typografie scheint endlich im Internet und auf den digitalen Ausgabegeräten anzukommen. Tablets, Smartphones, Navigationsgeräte – nicht nur vor dem Computer sitzt ein großes Publikum.

Auch dem Webfontday am 19. November, den die Typografische Gesellschaft München (tgm) 2011 zum zweiten Mal ausrichtet, sei ein großes Publikum gegönnt: Die Bandbreite der Vorträge berücksichtigt sowohl technische als auch gestalterische Fragestellungen. Ein getrennt vom Gesamtprogramm besuchbarer Vortrag am Beginn des Tages wird die wesentlichen Grundlagen zur Verwendung von Webfonts erklären.

Wie die Schrift die gesamte Anmutung einer Website beeinflusst, lässt sich mühelos mit Tim Ahrens’ FontFonter erleben, einem Online-Tool zur Betrachtung von Websites in anderen Fonts. Einfach die url der eigenen oder einer beliebigen anderen Website eingeben, Schrift auswählen und anzeigen lassen. Mit Erik Spiekermann gedacht, spielt dort zwar nur ein kleines Orchester – das zeigt jedoch ganz wunderbar, welche Musik sich mit dem Instrumentarium der Schriftkunst arrangieren lässt.

Foto: septembermorning / photocase.com

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